
Wenn
Papa trinkt und Mama weint

Für Alkoholiker gibt es viele
Hilfsangebote. Doch gegen das Leid ihrer Kinder wird bisher wenig getan
— mit fatalen, oft lebenslangen Folgen. Es geht auch anders — wie ein
Besuch in der einzigen Alateen-Gruppe Schleswig-Holsteins zeigt.
Flensburg /sh:z -
Fast jeden Abend greift Papa zur
Flasche. Der Alkohol macht den vertrauten Beschützer zum
unberechenbaren Fremden.
„Mutti schickt mich dann immer
früh ins Bett, damit ich nicht mitbekomme, wenn Papa betrunken ist",
sagt der elfjährige Dennis. Doch auch in seinem Zimmer bekommt der
Junge mit, wie sich seine Eltern streiten, wie der Vater aggressiv
wird.
„Mama
tut vor anderen Leuten so, als wenn alles in Ordnung ist. Zuhause weint
sie, dann versuche ich, sie zu trösten. Ich will nur noch, daß das
aufhört",
sagt Dennis. Der verzweifelte, Junge vertraut seine Ängste den
Klassenkameraden an. Doch statt Verständnis zu erfahren, wird er
gehänselt, gemobbt, als „Säuferkind" beschimpft - und zieht sich ganz
in sich zurück.
Ohne den Rückhalt der Alateen-Gruppe hätte Dennis den Weg aus dieser
Isolation, aus dem täglichen Albtraum nicht geschafft. „Nach den ersten
Treffen habe ich das Vertrauen zurück gewonnen, wieder ohne Angst über
meine Probleme reden zu können - mir geht es seitdem deutlich besser,
obwohl Papa weiter trinkt", sagt Dennis. Wie alle Teenager, die sich an
diesem Abend im Gemeindezentrum der Flensburger Friedenskirche treffen,
spricht er so abgeklärt wie kaum ein Erwachsener.
Die bisher einzige Alateen-Gruppe im
Land steht unter dem Dach der Anonymen Alkoholiker. Sie richtet sich an
Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren, deren Leben durch Suchtprobleme
der Eltern erheblich beeinträchtigt wird. Rund 100 000 Kinder und
Jugendliche leben mit einem trinkenden oder alkohlkranken Elternteil
zusammen. Das ergab die Anfrage, die Landtagsvizepräsidentin Frauke
Tengler kürzlich zur Situation von Kindern in Sucht belasteten Familien
in Schleswig-Holstein an die Landesregierung stellte. „Noch nie habe
ich auf eine Anfrage eine so Besorgnis erregende Antwort erhalten",
sagt sie. Denn von den 100000 Kindern - dazu kommen noch 2000 Kinder
von Eltern, die Drogen nehmen - werden von den bisherigen
Hilfsangeboten laut Recherche des Kieler Sozialministeriums nur wenige
hundert erreicht.
„Trotz erheblicher Probleme sind die wenigen Kinder der Alateen-Gruppe
also noch glücklich dran", sagt Frauke Tengler.
Das meint auch Tanja, zweifache
Mutter und Ehefrau eines Alkoholikers, die die Modellgruppe leitet. Sie
versteht sich dabei als Moderator.
„Wichtig ist, daß wir den Kindern
einen geschützten Raum bieten, um von ihren Sorgen zu erzählen und sich
gegenseitig zu stärken", sagt sie. „Hier kann ich alle Probleme
loslassen - und vieles besser verstehen. Zum Beispiel, warum mein
Vater, wenn er trinkt, seine Versprechen nicht hält", sagt die
15-Jährige Lisa.
„Mir hat die Gruppe geholfen, meine Aggressionen in den Griff zu
bekommen und mich nicht mehr schuldig zu fühlen", sagt der 13-Jährige
Stephan.
Depressionen, Eßstörungen, Ängste, Bettnässen, Isolation und
Schulprobleme sind weitere Belastungen von Kindern alkohlkranker
Eltern, die in einer Selbsthilfegruppe gemildert oder sogar beseitigt
werden können. Gegen massive gesundheitliche Schäden mit denen jährlich
Hunderte Kinder in Schleswig-Holstein als Folge des
Alkohol-Konsums ihrer Mütter in der Schwangerschaft auf die Welt
kommen, sind die Alateens allerdings machtlos. „Erschreckend, daß dies
vor allem in den oberen Gesellschaftsschichten vorkommt", sagt Tengler.
Doch den meisten Kindern könnte
geholfen werden. „Ich wünsche mir, daß bald mehr Kinder durch Alateen
ein besseres Leben haben können", sagt die 15Jährige Hannah. „Es ist
eine große Erleichterung, nicht mehr alles in sich hinein fressen zu
müssen", meint der zwölfjährige Peter.
Infos über die Gründung einer von
allen Institutionen unabhängigen Selbsthilfegruppe gibt die Leiterin
der bisher einzigen Alateen-Gruppe im Land, Telefon 04604/ 987731.
ANJA WERNER

